Historiker · Linguist · Schriftsteller
Azer Ziyadlı ist Historiker, Linguist, Schriftsteller und Drehbuchautor. Aserbaidschanischer Herkunft, in Deutschland zuhause, schreibt er auf Aserbaidschanisch, Russisch, Deutsch, Englisch und Persisch — fünf Sprachen, in denen er die Welt zugleich denkt und erzählt. Sein erster Roman Handvoll Narben erschien 2022 im russischen Verlag Kanon-Plus. Die Handlung führt ins 4. Jahrhundert v. Chr., an den Vorabend der Gründung Atropatenas — jener Epoche, in der aus einem skythischen Grenzland ein eigenständiges Reich wurde. Auf Deutsch entstand Kelch der Weisheit — ein mythologischer Eposzyklus über die Skythen, in der Bauform antiker Epen. Acht Jahre Arbeit, derzeit im Verlagsprozess. Parallel dazu wächst das dritte Buch: Das Jahrhundert der Wölfe. 2026 wurde Akinak im Heydar Aliyev Center in Baku uraufgeführt — ein historischer Abenteuerfilm, entstanden mit Unterstützung des aserbaidschanischen Kulturministeriums und der Kinoagentur. Azer Ziyadlı gehört zu den Drehbuchautoren. Neben der Prosa führt er die Recherche fort, aus der seine Bücher gewachsen sind. Beiträge, Notizen und Quellenarbeit finden sich in den Rubriken «Klub» und «Presse».
Alles begann mit einem Buch ohne Einband. Beim Nachbarn lag es auf dem Stapel für die Altpapiertonne — eine Kinderausgabe der Edda auf Aserbaidschanisch, zerlesen, ohne Deckel. Ich nahm es mit nach Hause und las es so oft, dass die Seiten weich wurden. Aus diesem Zufall wurde eine Leidenschaft, die mich seither nicht mehr losgelassen hat: die Liebe zu den großen Epen der Menschheit. In mehreren Sprachen aufgewachsen, verstand ich früh, wie viel verlorengeht, wenn man nur einer Tradition zuhört. Jede Sprache, in der ich las, brachte andere Helden mit, andere Götter, andere Antworten auf dieselben alten Fragen. Ich fing an, sie zu sammeln — nicht in Regalen, sondern im Kopf. Meine eigenen Geschichten erzählte ich zunächst nur einer einzigen Zuhörerin: meiner Tochter. Jahrelang, seit sie klein war. Als sie älter wurde, sagte sie irgendwann, ich solle sie endlich aufschreiben, bevor sie verloren gingen. So entstand Kelch der Weisheit.
I grew up among these myths long before I studied them. They came to me in Azerbaijani, in Russian, in Persian, later in German and English — each language bringing other heroes, other gods, other answers to the same old questions. To me they were never foreign literature. They were a tone in which the world spoke. When the West speaks of mythology, it thinks almost automatically of Greece and Rome — of Homer, of Virgil, of Zeus and Odysseus. The epics of the Scythians, the horsemen's songs of the Turkic-Altaic peoples, the verses of the Persian poets, the hymns of Mesopotamia: these are rarely mentioned. Not because they are quieter. Because they were never given the stage. My books try to build that stage. Not as an annex to Western mythology, but as a house of its own. It rests on ancient texts and chronicles, on comparative mythology — not only on folklore. And it stands in the cadence of old songs — not to imitate them, but to carry them on.